re:publica 2026: Warum KI beim Lifestyle täuscht und die Datenjagd uns alle angeht

Was erfährst du in diesem Artikel? re:publica 2026
​🔬 Die Zukunfts-Macher: Wo die deutsche Spitzenforschung die Labortüren aufreißt – und was das mit der ganz großen Politik-Frage zu tun hat.
​🥛 Das Chamäleon-Experiment: Wie uns künstliche Intelligenz am alltäglichen Beispiel komplett nach dem Mund redet und wo die versteckten Gefahren lauern.
​🔒 Der digitale Krimi: Warum unsere alltäglichen Apps plötzlich zum Gegenstand einer unsichtbaren Jagd werden und wo der Datenschutz verwässert wird.

Der „Hoffnungsort“ in der Praxis – Zwischen Scheinwerfer-Politik und den echten Machern
​Ein stimmungsvolles Murmeln erfüllt die STATION Berlin. Es ist Dienstag, das Onscreen-Opening läuft – und plötzlich steht ein Wort wie ein klares Versprechen im Raum: Die re:publica ist ein echter „Hoffnungsort“! So beschreibt es Geschäftsführer und Mitgründer Andreas Gebhard leidenschaftlich von der Bühne. Zusammen mit Medienboard-Chef Helge Jürgens und Content-Creator Aurel Mertz setzt er hier im Panel den Ton für das Festival. Ihr gemeinsames Credo: Wir müssen alte Branchensilos endlich aufbrechen! Filmschaffende verbünden sich hier live mit Tech-Entwicklern, um den digitalen Wandel gemeinsam anzupacken.
​Das Festival wächst dynamisch, die Hallen sind voller Leben.
Es gibt rund 600 Sessions zu sehr unterschiedlichen Themen und eine umfassende Politikprominenz vor Ort. Ist das eine gute Entwicklung?
Ich suche nach Antworten. Dazu gehe ich weg von den Hauptbühnen, wo es oft an der Tür schon heißt: „overcapacity“. Der wahre Herzschlag dieses Festivals wummert hier, wo jene kreativen Köpfe leidenschaftlich debattieren und umsetzen. Es gibt hautnahe digitale Realität. Das zeigen drei packende Stationen mitten im Geschehen:

​1. Bühne frei, Labor offen: Wo die deutsche Spitzenforschung die Türen einreißt
Ein Gemeinschaftsstand: Clusters 4 Future, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
„Es sind unterschiedlichste Themen und Lösungen, die hier gebündelt werden“, höre ich von Luisa Brückner Innovationsmanagerin bei SaxoCell (Technische Universität Dresden). „Hier wird lowkey erklärt, was in der Forschung so passiert, die sonst hinter verschlossenen Labortüren läuft.“ Wir zeigen: „Hey, Deutschland ist gar nicht so abgehängt, wir sind breit aufgestellt.“ Die 14 Zukunftscluster bearbeiten zum Beispiel:

  • Neuromorphe Hardware
  • maritime Systeme,
  • Quantentechnologie usw.

Der Stand ist Innovation. Wie kann man aus der Forschung heraus zusammen mit Unternehmen und der Industrie Lösungen schaffen? Großartig, inspirierend und zum Anfassen. Hier ist es keine Floskel. Universitäten, Spitzenforschung und Unternehmen arbeiten zusammen, um wissenschaftliche Erkenntnisse zügig in reale Produkte zu verwandeln.
​Mitten im Geschehen steht Dr. Hanna Hasselblatt, Clustermanagerin des Medizintechnik-Clusters NanoDiag BW. Ich lerne ein neues Wort: Nanoporentechnologie. Mit ihrer Hilfe, so das Ziel, wird analysiert, welche Krebstherapie die beste ist, erfahre ich. „Warum, frage ich, seid ausgerechnet hier, auf der Re:publica?“ ​Auf einer klassischen, engen Fachmesse würden sich die Disziplinen niemals treffen, sondern isoliert bleiben, lautet die Antwort. Die re:publica reißt die Mauern ein! Sie bietet die enorme thematische Breite und das gemeinsame Dach. Es geht nicht nur um wissenschaftliche Exzellenz, sondern um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Der zügige Transfer von Laborergebnissen in marktfähige Produkte – das sogenannte ‚Time-to-Market‘ – ist der entscheidende ökonomische Faktor. Die Cluster4Future zeigen einen Weg auf, wie bürokratische Hürden durch interdisziplinäre Vernetzung direkt vor Ort abgebaut werden können.

Dr. Hanna Hasselblatt

2. Die Milchmädchen-KI, Sycophancy und Riskantes Biohacking:
​Ein simpler Alltags-Gegenstand sorgt für das absolute Aha-Erlebnis im Saal: Hat die KI eine eigene Meinung zu Milch? Das Publikum lauscht gespannt dem Panel von Simone K. Frey (Nutrition Hub) und Jakob Vicari (tactile.news), moderiert von Mads Pankow (Publizist). Es geht um ein Phänomen, das uns alle im Kern betrifft: Sycophancy – die tückische Bestätigungsfalle der Algorithmen.
​Ein geniales, experimentelles Testdesign entlarvt die künstliche Intelligenz schonungslos. Fünf völlig unterschiedliche Personas – wurden für das Experiment erstellt, mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen. Sie konfrontieren die KI mit exakt denselben Fragen zum Thema Milch.
​Das Ergebnis sorgt für sichtbares Nicken im Publikum:
​Fakten stabil, Geist agil: Geht es um harte, biochemische Nährstoffdaten, liefert die KI solide ab. Die Antworten bleiben stabil, glasklar und präzise.
​Dann schnappt die Lifestyle-Falle zu: Sobald die Fragen in Richtung Trends und Lebensgefühl driften, knickt die KI ein. Die Antworten werden lau, schwammig und passen sich wie ein Chamäleon dem Profil an.
​Die Wohlfühl-Blase: Die KI redet Nutzenden einfach nach dem Mund. Sie liefert exakt die Antworten, die das jeweilige Profil hören will – eine klassische Milchmädchen-Rechnung für den eigenen Horizont.
​Riskantes Biohacking: Die KI animiert sogar zu „spannenden Selbstexperimenten“ wie dem eigenen Blutzucker-Tracking. Eine bestärkende Rückmeldung, die Laien schnell zu völlig falschen gesundheitlichen Schlüssen verleitet.
Sycophancy ist für die Arbeitswelt und die Finanzplanung fatal, wenn sie ungefiltert stehen bleibt. Wir nutzen KI-Tools als Beratende für strategische Entscheidungen. Die Tools spiegeln, was wir hören wollen, – wir verlieren die neutrale Instanz-. Die KI ist eine Echokammer-Verstärkerin. Lernen wir, KI nicht als Wissensquelle, sondern als ein Werkzeug zu begreifen, dessen Bias wir aktiv managen! So ähnlich schützen wir wir unser Portfolio durch Diversifikation vor Klumpenrisiken.
Fazit: Medienkompetenz im KI-Zeitalter ist kein Luxus, sie ist überlebenswichtig.

​3. Daten-Schutz oder Daten-Schatz? Aufklärung im unübersichtlichen Netz
​Die re:publica beweist einmal mehr, dass sie das unbestechliche Gewissen des Internets ist. Ingo Dachwitz (netzpolitik.org) und Rebecca Ciesielski (Bayerischer Rundfunk) sezieren Handy-Apps. Rund 13 Milliarden Standortdaten liegen ihnen vor, kostenlos von Data-Brokern übergeben. Die Recherche deckt brisante Ergebnisse auf: Bewegungsprofile von EU-Spitzenpersonal. Die Tracking-Industrie wächst rasant. Die Beiden spüren nach. ​Gleichzeitig verweisen sie auf die mögliche Verwässerung von Datenschutz auf politischer Ebene in Brüssel. Wenn durch intransparente Data-Broker-Praktiken Bewegungsprofile von Spitzenkräften öffentlich zugänglich werden, erodiert Vertrauenskapital nachhaltig. Die ökonomische Konsequenz: Privatsphäre wird als Ware gehandelt. Der Nutzer wird zur bloßen Datenquelle degradiert. Wir möchten, dass er auf Augenhöhe behandelt wird.

Fazit:
​In den Hallen der re:publica formiert sich konstruktiver Widerspruch. Zivilgesellschaft und Datenschutzbehörden begleiten den Prozess des „Digital Stream“ (u.a. Tracking-Daten). Ein digitaler Krimi, bei dem fehlende Privatsphäre zum Motiv wird.
​Führt die Entwicklung zu weit weg von den Wurzeln? Wer aufmerksam durch die Hallen geht, spürt: Nein. Die re:publica bleibt sich treu. Die Substanz des Festivals atmet im Detail. Sie lebt in den kreativen Köpfen, bei engagierten Forschenden, bei mutigen journalistisch Machenden – und den Menschen, die Politik machen.

2026-05-20 Timea: Ein herzliches Dankeschön an alle Impulsgebenden und Expert:innen. Ihr macht diesen Blick hinter die Kulissen durch eure wertvolle Arbeit möglich: Andreas Gebhard, Helge Jürgens, Aurel Mertz, Luisa Brückner, Dr. Hanna Hasselblatt, Simone K. Frey, Jakob Vicari, Mads Pankow, Ingo Dachwitz und Rebecca Ciesielski, Karl Lauterbach u.v.m.